Beispiel
Die Normal-Vorstellung eines Arbeitslebens von Menschen in Deutschland sieht so aus: Schule, Ausbildung oder Studium bis maximal zum 27. Lebensjahr und dann 40 Jahre Lohnarbeit oder Selbstständigkeit in Vollzeit bis zur Rente.
Nach diesem Maßstab werden Steuersätze, Sozialversicherungs-Beiträge und Rentensätze berechnet. Nur Menschen, die genau so leben und arbeiten, bekommen die maximalen Vorteile.
In dieser Rechnung ist keine Zeit für Kinderbetreuung eingeplant oder für längere Krankheiten, oder für die Pflege von nahen Personen, geschweige denn für eine längere Arbeitspause oder eine zweite oder dritte Berufsausbildung. Es ist auch keine Zeit für Lebenskrisen eingeplant, die durch Krankheit, Diskriminierung, Verfolgung oder Flucht verursacht werden. Und es ist keine Zeit eingeplant, um sich neben der Lohnarbeit politisch zu engagieren.
Alle Menschen, die nicht in das enge Arbeits-Schema passen, werden vom System benachteiligt. Sie erhalten weniger Lohn und später weniger Rente. Sie müssen länger arbeiten und sind öfter arm im Alter. Das ist ungerecht, weil nur sehr wenige Menschen dem Maßstab eines normalen Arbeitslebens überhaupt entsprechen können. Diese wenigen Menschen können ein vermeintlich normales Arbeitsleben nur führen, weil andere Menschen für sie Aufgaben wie Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen oder Hausarbeit übernehmen – und das entweder schlecht bezahlt oder ganz unbezahlt.
Die Vorteile der Privilegierten beruhen auf den Nachteilen anderer Menschen.
Erklärung
Eine Diskriminierung besteht aus verschiedenen Schritten. Sie beginnt damit, dass Menschen (oder anderem →Lebendigem wie Tieren und Pflanzen) bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden. Diese Eigenschaften werden dann entweder als anders bezeichnet und abgewertet – das ist Diskriminierung – oder als normal angenommen und aufgewertet – das ist →Privilegierung. Ein anderes Wort für Privilegien ist Vorteile.
Privilegierung ist die Normal-Machung und Bevorzugung von bestimmten →sozialen Kategorien gegenüber anderen. Privilegierung ist die Kehrseite von Diskriminierung und ihre Ursache. Sie wird aber meist gar nicht wahrgenommen und benannt, weil privilegiert sein als normal gilt – beziehungsweise weil privilegiert sein normal gemacht wird.
Das Ignorieren von Privilegierung führt zu immer weiterer Diskriminierung.
Links
- Mehr Beispiele zu sozialen Kategorien, Schubladen-Denken und Anders-Machung
- Zeitungsartikel »Rentensystem auf männlichen Lebenslauf ausgerichtet« über durch Gender bedingte Altersarmut: taz.de
- 2 Artikel im Magazin andererseits über BeHinderung in der Arbeitswelt in Deutschland und in Österreich
